Ollersdorfs Bürgermeister Bernd Strobl im Interview über erneuerbare Energielösungen, den neuen Community Hub und was Energiegenossenschaften für Gemeinden bringen.
Die 1.000-Einwohner-Gemeinde Ollersdorf im Bezirk Güssing ist über die Grenzen hinweg für ihre innovativen Energieprojekte bekannt. 2025 wurde dort als erste Gemeinde des Burgenlandes ein sogenannter Community Hub eröffnet – ein zukunftsweisendes Modell für regionale, erneuerbare Energielösungen. Dabei werden Strom aus den Raiffeisen Energiegenossenschaften, E-Mobilität, Speicherlösungen und eine Blackout-Vorsorge an einem Standort gebündelt. Der eigentliche Beginn dieser Entwicklung liegt jedoch mehr als zwölf Jahre zurück – und war von einigen Herausforderungen geprägt, wie Bürgermeister Bernd Strobl im Interview erzählt.
Herr Bürgermeister, es ist sehr beeindruckend, wenn man sich den Community Hub in Ihrer Gemeinde ansieht. Es ist ein Zukunftsmodell für regionale, erneuerbare Energielösungen: Strom aus erneuerbarer Energie, E-Mobilität, Speicher und Black-out-Vorsorge an einem Standort und aus einer Hand. Wie ist es dazu gekommen, dass Ollersdorf als erste Gemeinde des Burgenlandes dieses Projekt realisiert hat?
Bürgermeister Strobl: „Vielen Dank für das Lob. Das freut uns sehr. Das Ganze ist über Jahre hinweg gewachsen. Wir beschäftigen uns seit 2013 intensiv mit der Nutzung erneuerbarer Energie und haben damals gemeinsam mit Andreas Schneemann eine Machbarkeitsstudie durchgeführt. Dabei ging es um die Frage: Wo macht es Sinn, Photovoltaik-Anlagen auf öffentlichen Gebäuden zu errichten? Dabei haben sich insbesondere die Volksschule und das Gemeindeamt als besonders geeignet herausgestellt.
Seit wann werden die öffentlichen Gebäude in der Gemeinde Ollersdorf mit PV-Strom versorgt?
„Seit 2014. Wie gesagt, die Machbarkeitsstudie war 2013, und danach standen wir vor der ersten großen Hürde: den Investitionskosten von rund 50.000 Euro. Das ist für eine Gemeinde mit etwa 1.000 Einwohnern natürlich eine Herausforderung. Wir haben eine Lösung, die sehr gut funktioniert hat gefunden: Wir haben ein Bürgerbeteiligungsmodell gestartet. Menschen konnten sich durch den Kauf von Anteilen beteiligen. Damit wollten wir einerseits die Finanzierung sichern, andererseits aber auch das Bewusstsein in der Bevölkerung stärken, dass erneuerbare Energie sinnvoll ist – und dass jeder etwas beitragen kann. Drittens wollten wir als Gemeinde eine Vorbildwirkung einnehmen. Zum Glück hat es funktioniert, auch dank der Einigkeit aller Parteien im Gemeinderat. Das hat in der Bevölkerung für Vertrauen gesorgt.
Wie viele Bürgerbeteiligungsprojekte haben Sie in Ollersdorf realisiert?
„Zwischen 2014 und 2019 haben wir insgesamt fünf Bürgerbeteiligungsprojekte umgesetzt, mehr als 60 Photovoltaikanlagen installiert – auf privaten, öffentlichen, gewerblichen und Vereinsgebäuden. Auch auf der Aufbahrungshalle befindet sich eine Anlage, die zusätzlich über einen Speicher unsere Wallfahrtskirche mit Sonnenstrom versorgt. Mit diesen Projekten war Ollersdorf bereits damals ein Vorreiter.“
Sie haben die Projekte der Gemeinde auch international vorgestellt, unter anderem im Iran und in Finnland. Wie kam es dazu?
„Ja, 2019 durfte ich im Rahmen des Energy Globe Award unser Projekt im Iran präsentieren. Zudem wurde ich eingeladen, an der Aalto-Universität in Finnland unsere Ideen vorzustellen. Gemeinsam mit Andreas Schneemann haben wir uns dann für das EU-Förderprogramm Horizon 2020 beworben, speziell ausgerichtet auf erneuerbare Energien und Energiegemeinschaften. Wir haben mit dem Austrian Institute of Technology und der Universität Passau im Bereich Blackout-Vorsorge und Energiegemeinschaften zusammengearbeitet. Ollersdorf wurde als eine von vier Pilotgemeinden in Europa ausgewählt – neben Gemeinden aus Finnland, Spanien und Sardinien. Als Andreas Schneemann uns fragte, ob wir einen Community Hub in Ollersdorf umsetzen und, ob wir als Pilotgemeinde mitmachen wollen, habe ich spontan zugesagt. Denn bei uns in Ollersdorf haben wir die idealen Voraussetzungen: das Verständnis und das Engagement der Bevölkerung, die Infrastruktur und natürlich unserer langjährige Erfahrung auf diesem Gebiet.“
Ein wichtiger Schritt, den Community Hub zu realisieren, war die Mitgliedschaft der Gemeinde bei den Raiffeisen Energiegenossenschaft? Was war dabei ausschlaggebend?
„Wir haben gleich zu Beginn, als es rechtlich möglich war, in Ollersdorf eine eigene Energiegemeinschaft gegründet. Als die Raiffeisen Energiegenossenschaften im Burgenland gegründet wurden, sind wir sehr rasch beigetreten. Der Grund war, dass die Raiffeisen Energiegenossenschaften größere Möglichkeiten bieten, weil landesweit unter den Mitgliedern mit Strom gehandelt wird und das zu fairen Tarifen. So können wir die Stromnutzung in der Gemeinde noch besser kombinieren.“
Und dann kam der Community Hub, der im Mai 2025 in Ollersdorf eröffnet wurde. Was sind Ihre Erfahrungen?
„Es freut uns sehr, dass wir mit dem Community Hub erneut eine Vorreiterrolle einnehmen. Wir wollen damit auch andere Gemeinden ermutigen. Es kommt nicht auf die Größe der Gemeinde an, sondern auf den Willen, etwas zu bewegen und auf die Bereitschaft, auch Rückschläge in Kauf zu nehmen. Die hatten wir natürlich auch. Aber das ist bei den Themen Forschung und Entwicklung sowie neue Technologien auch ganz normal.“
Was waren die größten Herausforderungen?
„Die erste Herausforderung war sicherlich, die Bevölkerung 2013 zu überzeugen, dass das alles Sinn macht, in Photovoltaik-Anlagen zu investieren. Dann kam die Frage: Schaffen wir es, die Finanzierung aufzustellen? Und: Funktioniert das Konzept tatsächlich? All das hat sich zum Glück positiv bestätigt. Später haben wir im Bereich Blackout-Vorsorge mit einem innovativen Salzwasserspeicher zusammengearbeitet. Das war jahrelang eine tolle Alternative. Leider ist das Unternehmen während der Coronazeit in Insolvenz gegangen. Der Speicher konnte nicht mehr gewartet werden und fiel schließlich aus. Aber auch das hat uns nicht entmutigt. Der Community Hub mit der neuen Blackout-Vorsorge bringt nun eine neue, bessere Lösung.“

Was raten Sie anderen Kommunen, denn es führt ja kein Weg an der Energiewende vorbei?
„Ich würde anderen Gemeinden raten, sich einen verlässlichen Partner in der Region zu suchen – jemanden mit echter Expertise, der nicht nur darüber spricht, sondern auch in die konkrete Umsetzung geht. Es braucht Partner, die mutig sind, einen Schritt nach vorne zu machen und an die Sache glauben. Wichtig ist, sich bewusst zu machen: Rückschläge gehören dazu. Ich habe das auch meinem Gemeinderat immer offen besprochen. Wenn wir in Ollersdorf zehn Projekte umsetzen wollen und zwei davon scheitern, dann haben wir immer noch acht positive Entwicklungen erzielt. Wenn man nichts macht, macht man zwar keine Fehler, aber man bewegt auch nichts. Johann Wolfgang von Goethe hat einmal gesagt: ‚Man muss nicht nur wollen, man muss auch tun.‘ Das bringt es auf den Punkt. Entscheidend ist die Umsetzung. Wenn Bürgerinnen und Bürger sehen, dass tatsächlich etwas passiert, dann gehen sie auch mit. Wenn sie konkrete Fortschritte mit eigenen Augen vor Ort sehen können, entsteht Vertrauen. Die größte Gefahr für solche Projekte ist aus meiner Sicht, dass über Jahre hinweg nur darüber gesprochen wird. Irgendwann sagen die Bürgerinnen und Bürger dann: ‚Das kenne ich schon, das höre ich jetzt zum fünften Mal – ich glaub nicht mehr dran.‘ Wenn nichts passiert, verliert man das Vertrauen der Menschen. Deshalb: einfach anfangen, auch wenn vielleicht nicht alles zu 100 Prozent wie geplant funktioniert. Das ist bei neuen Entwicklungen, bei Forschung und Innovation ganz normal. Man muss den Mut aufbringen, diesen Weg zu gehen und sich starke, kompetente Partner aus der Region suchen, die es ernst meinen und mitziehen. Als wir damals mit dem Zusammenschluss der zehn Gemeinden in der Region gestartet sind und uns um Förderungen bemüht haben, war das ein ganz entscheidender Schritt. Ich glaube, wir wurden unter anderem deshalb als Pilotgemeinde ausgewählt, weil wir nicht nur auf Förderungen gesetzt haben, sondern gesagt haben: ‚Wir machen das – mit oder ohne Förderung.‘ Uns war natürlich wichtig, das Projekt auf eine wirtschaftlich tragfähige Basis zu stellen. Denn wenn etwas nur solange funktioniert, wie es gefördert wird, dann ist es langfristig nicht sinnvoll und vor allem nicht nachhaltig.“
Haben Gemeinden Angst vor den hohen Kosten solcher Projekte? Beim Community Hub war von rund 80.000 Euro an Erstinvestition die Rede.
„Ja, die Sorge ist durchaus da - gerade in der aktuellen budgetären Lage. Aber wir mussten als Pilotgemeinde selbst nichts investieren. Andere Gemeinden müssen abwägen: Welche Einsparungen bringt eine solche Investition langfristig? Bei uns konnten wir die Energiekosten durch Photovoltaik und technische Optimierung um 46 Prozent senken. Durch die Raiffeisen Energiegenossenschaft haben wir günstigere Strompreise und können den Strom besser nutzen. Wichtig ist: Man muss kreativ und offen sein, mit der Region zusammenarbeiten und bereit sein, neue Wege zu gehen. Dann lassen sich große Dinge erreichen.“
Was bringt der Community Hub ganz konkret den Bürgerinnen und Bürgern?
„Erstens, die Absicherung kritischer Infrastruktur bei Stromausfällen. Feuerwehrhaus, Gemeindeamt und Arztordination bleiben weiter funktionsfähig. Zweitens: Eine effizientere Nutzung des Stroms aus der Energiegenossenschaft durch lokale Speicherung. Drittens: Elektromobilität. Es gibt Schnelllademöglichkeiten für alle – auch für jene ohne eigene Wallbox zu Hause. Autos können über Nacht geladen werden. Wichtig ist auch noch und das darf nicht vergessen werden: Die Menschen sehen, dass ihre Gemeinde innovativ ist und über die Grenzen hinaus Beachtung findet. Das motiviert und schafft Zusammenhalt.“
Zur Person: Labg. Bernd Strobl ist seit Oktober 2002 Mitglied des Gemeinderats der Marktgemeinde Ollersdorf und übt seit Mai 2012 das Amt des Bürgermeisters aus. Seit 2014 ist er Bezirksobmann des Burgenländischen Gemeindebundes und seit Dezember 2023 Bezirksparteiobmann der ÖVP im Bezirk Güssing. Seit Februar 2025 ist Bernd Strobl Landtagsabgeordneter und seit April 2025 VP-Klubobmann.

Community Hub: Energienahversorger für die Region
Der im Rahmen des Innovationslabors act4.energy entwickelte Community Hub kombiniert eine 25 kWp-Photovoltaikanlage, einen 184 kWh-Batteriespeicher, eine 100 kW-Schnellladestation sowie zwei 22 kW-Ladepunkte für das Community-Laden. Das System ist modular aufgebaut und kann flexibel an die Bedürfnisse der Gemeinden oder Unternehmen angepasst werden. In Ollersdorf bietet der Hub zum Beispiel auch eine Notstromversorgung für das angrenzende Gemeindezentrum, die Feuerwehr und die Gemeindearztpraxis – ein Sicherheitsaspekt, der für viele Regionen zunehmend an Bedeutung gewinnt.
Das Herzstück der Anlage ist der modular erweiterbare Batteriespeicher, der es Energiegemeinschaften ermöglicht, Stromüberschüsse effizient zu nutzen und Engpässe – etwa bei fehlender Sonnenenergie – abzufedern. Mitglieder solcher Gemeinschaften profitieren dadurch von kostengünstigerem Strom aus lokalen Quellen. Eine spezielle Schnittstelle zwischen Energiegemeinschaft und Community Hub schafft die Voraussetzung für bis zu 30 Prozent vergünstigtes Laden für Mitglieder der Raiffeisen Energiegenossenschaften. Gleichzeitig steht eine moderne Ladeinfrastruktur rund um die Uhr auch Bürger:innen und Pendler:innen zur Verfügung.
Neben der Schnellladestation ergänzen zwei 22 kW-Ladepunkte das Angebot – als Alternative oder Ergänzung zu privaten Lademöglichkeiten. Damit wird der Hub zum echten Energie-Nahversorger für die Region.
Betrieben wird der Hub von der Enlion Service GmbH, einem Unternehmen unter Beteiligung von Raiffeisen Niederösterreich-Wien und Raiffeisen Burgenland. Der ÖAMTC ist als strategischer Mobilitätspartner in das Projekt eingebunden.

